Widerstand damals und heute

Lesung mit Udo Sierck zu seinem Buch "Frech und frei – 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung"

Bericht von Gudrun Kellermann

Trotz dringender – letztendlich unberechtigter – Warnungen des Wetterdienstes, wegen Glatteis in NRW zuhause zu bleiben, war das Auditorium der Evangelischen Hochschule Bochum am Abend des 12. Januar 2026 gut gefüllt. Etwa 70 Menschen waren gekommen, um dem Publizisten und Aktivisten Udo Sierck zu seinem neuesten Buch "Frech und frei – 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung" zuzuhören. Anwesend waren Studierende und Lehrpersonen der EvH, Fachkräfte aus der Behindertenhilfe und dem Bereich der Inklusion sowie aktivistische Menschen von Selbstbestimmt-Leben-Organisationen. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Bochumer Zentrum für Disability Studies (BODYS) und moderiert von Prof. Dr. Stefan Schache, stellvertretender Leiter von BODYS. Statt klassischer Lesung entschied Udo Sierck sich für einen freien Vortrag mit anschließender Gesprächsrunde, ein Konzept, das aufging.

Viele Menschen in einem Hörsaal, auf der Bühne Udo Sierck sitzend und Stefan Schache stehend, im Hintergrund eine große Leinwand für Schriftdolmetschung
Bild: Prof. Dr. Stefan Schache begrüßt den Autor Udo Sierck und das Publikum zur Lesung am 12.1.2026. © Franziska Witzmann

 

Stationen der deutschen Krüppelbewegung

Sierck richtete spotlichtartig einen Blick auf verschiedene Stationen der deutschen „Krüppelbewegung“. Als selbst von Behinderung betroffener Zeitzeuge ließ er die Geschichte lebendig werden. In den Anfängen waren Fremdbestimmung und Bevormundung in sämtlichen Lebensbereichen, fehlende Barrierefreiheit des öffentlichen Personennahverkehrs und Repressalien in Behinderteneinrichtungen dominierende Themen. Die 1970er Jahre waren noch stark geprägt von den Nachwirkungen der NS-Zeit und einem defizitären Blick auf behinderte Menschen, in den Disability Studies als „medizinisches Modell von Behinderung“ diskutiert. 1981 wurde von den Wohlfahrtsverbänden zum „Internationalen Jahr der Behinderten“ ausgerufen, was in Deutschland zu einer Reihe von Protestaktionen von behinderten Menschen führte. In dieser Zeit bildete sich auch die feministische Behindertenbewegung heraus, in der die erhöhte Betroffenheit von sexueller Gewalt, Zwangsverhütung und Recht auf selbstbestimmte Schwangerschaft thematisiert wurden. All dies wird bis heute diskutiert, nur mit veränderten Schwerpunkten. Während derzeit bei der schulischen Integration bzw. Inklusion langsam ein Umdenken stattfindet, sind vor allem Menschen mit psychiatrischen Erfahrungen, mit anderen Lernmöglichkeiten und mit komplexer Behinderung (1) weiterhin in hohem Maß von Menschenrechtsverletzungen betroffen. Als besonderes Problemfeld hob Sierck das stationäre Wohnen für behinderte Menschen heraus, das einen Nährboden für Gewalt bildet. Er erinnerte an zahlreiche Proteste behinderter Menschen gegen das menschenunwürdige Heimleben und teilte eine persönliche Erfahrung, wie er nach einer Hausbesetzung eine Polizeizelle von innen kennenlernen „durfte“.

 

Leid und Schmerz als Thema der Behindertenbewegung

In den vergangenen Jahren änderte sich die Sichtweise der Behindertenbewegung auf das Reden über Schmerz und Leid. Zu Beginn der deutschen Krüppelbewegung wurden provokative Sätze wie „Behindert sein ist schön“ formuliert, um sich von der gesellschaftlich vertretenen Auffassung „Behinderung als Schadensfall“ abzugrenzen. Doch durch die Entwicklung vom sozialen Modell zum menschenrechtlichen Modell ist ein Wandel in Diskursen über Behinderung zu verzeichnen. Behinderte Menschen sind zunehmend aktiv in den sog. Sozialen Medien und sprechen offen über ihre Erfahrungen mit Leid, Trauer und Schmerz im Zusammenhang mit Behinderung. Zugleich betonen sie, dass dies nicht in Widerspruch zu einem erfüllten Leben stehe, denn eigenes medizinisches Wissen sei notwendig und wertvoll.

Sierck äußerte Sorge über derzeitige Tendenzen wie rechtspopulistische Bewegungen sowie eugenisch geprägte Forderungen wie Schwangerschaftsabbrüche bei Down-Syndrom und Recht auf assistierten Suizid. Es sei eine verstärkte Rückkehr zu sozialdarwinistischem Denken zu beobachten, nach dem nur der Stärkere leben dürfe. Er richtete an die gegenwärtige Behindertenbewegung den Appell, öffentlich sichtbar zu bleiben und beharrlich die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention einzufordern.

 

Eine offene Frage und Reaktionen auf die Lesung

Gegen Ende der Lesung kam aus dem Publikum die Frage an Udo Sierck, wie er sich zur Rolle der Heilpädagogik positioniere. Er stellte klar, dass es sich hierbei um eine Dienstleistung handele, die ihr Geld am behinderten Menschen verdiene und prinzipiell das Ziel verfolgen müsse, sich selbst entbehrlich zu machen. Der Moderator Stefan Schache, Professor für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik, bedauerte mit einem Lachen, dass die Diskussion dieser „jetzt gerade so spannenden Frage“ nicht mehr vertieft werden könne. Sicherlich teilte das Plenum seine Meinung. Im Anschluss nutzten viele Menschen die Möglichkeit, ein von Udo Sierck persönlich signiertes Buch zu erwerben, bevor sich die Türen der Hochschule schlossen. Die Rückmeldungen im Nachgang zur Lesung waren durchweg positiv. Erlebt wurde eine Zeitreise, bei der trockenes fachliches und historisches Wissen durch die erzählerische Vortragsweise eines Zeitzeugen lebendig wurde, eine Form des Erzählens, die sich auch im neuesten Buch von Udo Sierck widerspiegelt.

 

Der Autor

Udo Sierck lächelt in die Kamera. Er sitzt hinter einem flachen Tisch, auf dem zwei Stapel seiner Bücher liegen. Ein Mikrofon steht neben ihm.

 

Udo Sierck (Foto, © Gudrun Kellermann) ist Dozent, Publizist, Aktivist und Veteran der "deutschen Krüppelbewegung" Ende der 1970er Jahre. Er ist ausgebildeter Diplom-Bibliothekar und studierte Ethnologie, Mittlere und Neue Geschichte sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, wandte sich aber bald vom Bibliothekswesen ab und widmete sich fortan der Geschichte der deutschen Behindertenbewegung. Hierzu publizierte er zahlreiche Fachartikel und mehrere Bücher und tritt bis heute regelmäßig als Dozent auf Veranstaltungen inner- und außerhalb von Hochschulen und Universitäten auf. Weitere Informationen zum Autor und zum Buch auf der persönlichen Website von Udo Sierck: https://www.udosierck.com/

 

Endnote

(1) Der Begriff „komplexe Behinderung“ orientiert sich an der Schreibweise im aktuellen BODYS-Projekt „InBeKo – In Bewegung kommen – in Bewegung bleiben“ (https://www.bodys-wissen.de/projekte.html#Inbeko) und bezieht sich auf Menschen, die auf 24-Stunden-Assistenz und unterstützte Entscheidungsfindung angewiesen sind sowie häufig unter rechtlicher Betreuung stehen.

Hinweis: Dieser Bericht wurde ohne KI erstellt.

Zurück